Der Gesamtscore ist die am wenigsten aussagekräftige Zahl auf einem kununu-Profil. Er ist ein Durchschnitt über mehrere Kategorien und über alle Bewertungen hinweg – und ein Durchschnitt verschweigt genau das, worauf es ankommt.
Die wichtigere Zahl steht direkt daneben: wie viele Bewertungen dahinterstehen. Eine 3,2 aus acht Bewertungen und eine 3,2 aus 240 beschreiben zwei völlig verschiedene Unternehmen.
Dieser Beitrag zeigt, wie sich ein Arbeitgeberprofil lesen lässt – für Bewerber, die wissen wollen, was sie erwartet, und für Arbeitgeber, die verstehen wollen, woher ihr eigener Wert kommt. Und er zeigt die Muster, an denen sich erkennen lässt, dass mit einem Profil etwas nicht stimmt.
Die vier Zahlen, auf die es ankommt
Ein Rechenbeispiel, das die erste Zahl greifbar macht. Bei acht Bewertungen und einem Schnitt von 3,2 hebt eine einzige Fünf-Sterne-Bewertung den Wert auf etwa 3,4; eine einzelne Ein-Stern-Bewertung drückt ihn auf 2,9. Bei 240 Bewertungen bewegt dieselbe Bewertung den Wert um weniger als ein Hundertstel. Je kleiner das Profil, desto mehr sagt es über einzelne Personen und desto weniger über das Unternehmen.
Wie man eine einzelne Bewertung liest
Beim Lesen des Textes hilft eine Unterscheidung, die aus dem Recht stammt, aber für jeden Leser nützlich ist: Beschreibt der Satz eine Tatsache oder eine Bewertung?
Solche Sätze sind entweder wahr oder falsch. Tauchen sie in mehreren unabhängigen Bewertungen auf, ist das ein belastbarer Hinweis.
Das sind Eindrücke. Sie sagen viel über das Verhältnis des Verfassers zum Unternehmen und wenig darüber, wie es Ihnen dort ergehen würde.
Ein zweiter Hinweis, der sich beim Lesen schnell einstellt: Bewertungen, die konkret werden, sind in aller Regel die ehrlicheren. Wer einen Ablauf beschreibt, ein Beispiel nennt oder eine Zahl angibt, hat etwas erlebt. Wer nur in Adjektiven schreibt, hat oft vor allem eine Stimmung mitzuteilen – in beide Richtungen, bei Lob genauso wie bei Kritik.
Muster, die auf ein Problem hindeuten
Nicht jedes auffällige Profil ist manipuliert. Aber es gibt Muster, bei denen sich ein zweiter Blick lohnt.
Wie verlässlich kununu insgesamt ist und wie das Portal selbst prüft, habe ich an anderer Stelle ausführlich behandelt: Sind alle kununu-Bewertungen echt? und Ist kununu seriös?
Was Bewerber daraus mitnehmen können
Eine Bewertung beschreibt die Erfahrung eines Menschen in einem Team zu einer bestimmten Zeit. In größeren Unternehmen unterscheiden sich zwei Abteilungen oft stärker voneinander als zwei Unternehmen derselben Branche. Ein schlechter Gesamtwert ist deshalb kein Grund, eine Bewerbung zu unterlassen – er ist ein Grund, im Vorstellungsgespräch gezielt zu fragen.
Am nützlichsten ist der Blick auf wiederkehrende, überprüfbare Aussagen. Wenn sechs unabhängige Bewertungen über drei Jahre dieselbe konkrete Sache nennen – unbezahlte Überstunden, fehlende Einarbeitung, hohe Fluktuation in einem Bereich –, dann ist das ein Befund. Eine einzelne wütende Bewertung ist es nicht.
Und: Antwortet das Unternehmen auf Kritik, lohnt sich das Lesen dieser Antworten. Sie sagen oft mehr über die Führungskultur aus als die Bewertung selbst.
Was Arbeitgeber daraus mitnehmen können
Für Arbeitgeber endet das Lesen an einem Punkt, an dem eine andere Frage beginnt: Ist diese Bewertung überhaupt zulässig?
Die Antwort hat mit dem Inhalt oft gar nichts zu tun. Der stärkste Angriffspunkt ist die Frage, ob der Verfasser überhaupt bei Ihnen beschäftigt war – und genau darauf deutet das letzte der vier Muster oben hin. Eine Schilderung, die sich keinem Arbeitsverhältnis zuordnen lässt, ist angreifbar, unabhängig davon, wie berechtigt die Kritik klingen mag.
Bevor Sie reagieren, ein Hinweis, der oft zu spät kommt: Wer öffentlich inhaltlich antwortet und den geschilderten Ablauf richtigstellt, bestätigt damit das Beschäftigungsverhältnis – und verbraucht genau diesen Angriffspunkt. Eine kurze sachliche Antwort ohne Bezug zum konkreten Vorgang ist unbedenklich; eine Richtigstellung ist es nicht.
Wie das Verfahren abläuft, was in eine Beanstandung gehört und was sie kostet, steht hier: kununu-Bewertung löschen lassen: so gehen Arbeitgeber vor.
Häufige Fragen
Ab wie vielen Bewertungen ist ein kununu-Profil aussagekräftig?
Als grobe Orientierung: ab etwa zwanzig. Darunter kann eine einzelne Bewertung den Gesamtwert spürbar verschieben, und das Profil sagt mehr über einzelne Personen als über das Unternehmen. Wichtiger als die absolute Zahl ist allerdings, ob sich die Bewertungen über einen längeren Zeitraum verteilen.
Sind alte Bewertungen noch relevant?
Für die Einschätzung des heutigen Unternehmens nur begrenzt. Ein Profil ist ein Archiv: Bewertungen aus der Zeit vor einem Eigentümerwechsel oder einer neuen Geschäftsführung beschreiben ein Unternehmen, das es so nicht mehr gibt. Lesen Sie die jüngsten zwölf Monate getrennt vom Rest.
Woran erkenne ich eine gekaufte oder gefälschte Bewertung?
Mit Sicherheit gar nicht – aber es gibt Muster: eine Häufung innerhalb weniger Tage, auffällig ähnliche Formulierungen, Bewertungen ohne Text in Serie, und Schilderungen, die nicht zum Unternehmen passen. Einzeln sagt keines davon etwas; mehrere zusammen sind ein Hinweis.
Sollte ich mich bei einem schlechten kununu-Wert nicht bewerben?
Das wäre voreilig. In größeren Unternehmen unterscheiden sich zwei Abteilungen oft stärker als zwei Unternehmen derselben Branche. Nützlicher ist, wiederkehrende überprüfbare Aussagen herauszuziehen und sie im Vorstellungsgespräch anzusprechen.
Kann ich als Arbeitgeber eine Bewertung entfernen lassen, die nicht stimmt?
Unter bestimmten Voraussetzungen ja. Der stärkste Hebel ist nicht der Inhalt, sondern die Frage, ob überhaupt ein Beschäftigungsverhältnis bestand. Wichtig ist, vorher nicht öffentlich inhaltlich zu antworten – das bestätigt den Kontakt und verbraucht genau diesen Angriffspunkt.
Eine Bewertung, die nicht stimmt?
Schicken Sie mir den Link und eine kurze Angabe, ob sich die Schilderung einem Beschäftigungsverhältnis zuordnen lässt. Personaldaten brauche ich dafür nicht. Die Ersteinschätzung ist kostenlos – und ehrlich auch dann, wenn sich nichts machen lässt.